Haltung

 Wo stehen Sie? Diese Frage wurde mir vor einiger Zeit gestellt. Meine Antwort: „Ich stehe bei den Vernünftigen. Freiheit vor Sicherheit,  Aufklärung statt Alarmismus.“ Der Fragesteller wechselte dann das Thema. Vielleicht ist es auch egal, aber ich möchte mich reflektieren, was bitte nicht mit einer Rechtfertigung verwechselt werden darf. Das große Thema sind derzeit natürlich die Flüchtlinge. Kann ich Verständnis für die diversen besorgen Bürger heucheln? Nein, ich kann es nicht. Selbstverständlich gibt es unter Flüchtlingen auch Verbrecher, aber das hasserfüllte Geschrei ist schlicht und widerlich. Menschen als „Viecher“ zu beschimpfen, zur Gewalt aufzurufen und der Regierung „Hochverrat“ vorzuwerfen zeugt weder von ausgeprägter Empathie noch zivilisatorisch ausgereiften Umgangsformen. Die Flüchtlingskrise – was für ein Wort – lässt sich wohl nur auf europäischer Ebene lösen. Seien wir ehrlich, die Industrienationen haben ihren Wohlstand schon immer verteidigt. Mir ist bis heute unklar, warum der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler wegen seiner Aussage über Handelswege, die notfalls auch militärisch gesichert werden müssen, zurückgetreten ist. Unser Lebensstandard in der industrialisierten und freien Welt ist erstrebenswert. Trotzdem muss Einwanderung kontrolliert ablaufen – die USA, Kanada, Norwegen oder auch Australien können als Vorbilder dienen. Flüchtlinge, die aus der Not zu uns kommen, wie aktuell aus Syrien oder dem Irak, genießen völlig zu Recht einen anderen Status. Aber auch das wird auf Dauer eben nur gemeinsam zu meistern sein. Wir erleben derzeit vermutlich die schwerste Krise des „vereinten Europas“. Jetzt schlägt die Stunde der Vernunft. Nur wenn sich die Besonnenen durchsetzen hat unsere Gesellschaft in dieser Form, die ich persönlich für richtig halte, eine Zukunft. Die EU hat viele Schwächen, aber vielleicht sind die aktuellen Probleme auch ein Chance, längst überfällige Reformen umzusetzen. Der instabile Euro ist dabei aktuell in den  Hintergrund geraten. Es mag nicht alles perfekt sein, aber das  Deutschland oder Europa von heute mit der DDR zu vergleichen ist nicht nur unangemessen, sondern zeugt von ausgeprägter Denkfaulheit. Von einer Diktatur sind wir - trotz der Untergangssehnsucht einiger Fatalisten - weit entfernt. Die AfD ist mir persönlich sehr unsympathisch, sie ist allerdings nicht verboten - also setzen wir uns demokratisch mit ihr auseinander. Nur so wird diese unreife Protestpartei entlarvt. Ich hoffe, dass die besonnenen Bürger die Oberhand behalten. Besorgte Bürger bringen uns nicht weiter. Das gilt auch bei der der Diskussion um das Freihandelsabkommen TTIP. Interessant wie viele Verschwörungstheorien sich um dieses Thema drehen. In sozialen Netzwerken scheinen verschwurbelte Hetzschriften  von „RT-Deutschland“, dem „Kopp-Verlag“ oder den „Netzfrauen“ mehr Bedeutung zu haben als eine sachliche Auseinandersetzung. Ja, noch sind die meisten Inhalte geheim, aber das ist bei komplizierten Verträgen durchaus üblich. Der Bundestag wird am Ende – und dann liegt der Vertrag auch vor – über TTIP abstimmen. So funktioniert Demokratie. Trotzdem darf jeder seine Meinung sagen. Ein ziviler Diskurs ist gut und richtig. Es mag abgedroschen klingen, aber jeder kann politisch mitmischen. Politische Macht wird nicht vererbt. Wer morgen bei einer  Partei seiner Wahl anklopft, wird mit offenen Armen aufgenommen. Das bedeutet dann Arbeit und anstrengende Diskussionen. Aber auch Willy Brandt, Helmut Kohl, Wolfgang Kubicki oder Robert Habeck kamen nicht als Politiker auf die Welt. Es sind nur vier Beispiele, die jeweils für eine andere Generation, ein eigenes Politikverständnis und unterschiedliche Lebensläufe stehen. Verschiedene Menschen, die aber  - das unterstelle ich – unser Grundgesetz als gemeinsame Basis haben bzw. hatten. Die Freunde der „Stimme Russlands“ sollten sich überlegen, ob Herr Putin ähnliche Vorwürfe - wie sie Politikern bei uns gemacht werden - hinnehmen würde. Wir leben in einer globalisierten Welt. Die alte Bundesrepublik gibt es nicht mehr. Sie blühte wirtschaftlich vor allem deshalb, weil die Menschen in der  DDR die „Zeche“ für den 2. Weltkrieg und seine katastrophalen Folgen mehr oder weniger alleine zahlen mussten. Sind Flüchtlinge und angeblich geheime Abkommen tatsächlich unsere größten Probleme?  Oder sollten wir uns eher wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit, fehlender Aufklärung und eines teilweise desolaten Bildungssystems Sorgen machen?  Das Land des Welt- und Europameisters muss aufpassen, dass es nicht den Anschluss verpasst. Die großen Erfindungen aus unserem Land liegen in der Vergangenheit. Die Autoindustrie hat schon lange an Bedeutung verloren. Ich schweife ab, denn die Vorfälle der letzten Tage in Sachsen sind gruselig und inakzeptabel. Deswegen Herz und Verstand einsetzen und Haltung zeigen! Der Gegenentwurf zum rechtsradikalen Mob sollte nicht der linksautonome Aktivist, sondern die Mitte der Gesellschaft sein.