Ratlos

 Ist es richtig das Foto eines toten Kindes im Netz zu posten oder in einer Zeitung zu veröffentlichen? Soziale Medien wie Facebook oder Twitter polarisieren. Harmlose Partybilder, durch Filter „verfeinerte“ Urlaubsknipserei oder der gute alte Foodporn sind eine Frage des persönlichen Geschmacks. Das Foto des dreijährigen syrischen Flüchtlingskindes, das ertrunken an einem türkischen Strand liegt, weckt Emotionen. Auch bei mir. Aber ändert das etwas? Auch als freiwillig Kinderloser kann ich mir die Trauer und Verzweiflung des Vaters (die Mutter ist offenbar auch ertrunken) einigermaßen vorstellen. Wie fühlt er sich, wenn er das Foto seines Kindes im Internet entdeckt? Heiligt der Zweck (Aufmerksamkeit) die Mittel? Ich verstehe diejenigen, die das Foto teilen und emotional kommentieren. Aber – das gebe ich gern zu – meine Zweifel überwiegen. Die „Bild“ hat das Foto auf der letzten Seite gedruckt. Das Blatt macht seit Wochen Stimmung für die Flüchtlinge. Aber war es nicht genau diese Zeitung, die jahrelang Vorurteile geschürt hat? „Der Freitag“ postete: "Man kann die „Bild“-Zeitung natürlich dafür loben, dass sie jetzt mithilft, die rechten Geister zu bekämpfen. Man sollte aber immer im Hinterkopf behalten, dass sie jahrelang dabei mitgeholfen hat, sie zu rufen." In der aktuellen Debatte ist es ein fataler irrweg, wenn die dringende Frage der Zuwanderung (und die fehlende Regelung dazu) mit den Nöten der  Flüchtlinge vermischt wird. Das Elend ist nicht neu, es bekommt durch den kleinen Jungen jetzt ein „Gesicht“. Es ist richtig mitzufühlen und sich zu empören. Besser ist aber mitzuhelfen, zu spenden und sich zu positionieren. Ich werde mir ein Projekt in Lübeck suchen, um zu helfen. Als ich ein Kind war – in den etwas bräsigen 70er und 80er Jahren – wurde viel über den Hunger in Afrika berichtet. Die Bilder aus Äthiopien habe ich noch vor Augen. Was hat sich geändert? Ja, demnächst werden wir 8 Milliarden Menschen auf der Erde sein. Seit meiner Geburt 1970 hat sich die Weltbevölkerung nahezu verdoppelt. Sie wächst aktuell jeden Tag um rund 220.000 Menschen an – im Jahr bedeutet das ein Bevölkerungswachstum von etwa 80 Millionen. Also mengenmäßig ein weiteres Deutschland, das m. E. zwar lebenswert ist, aber eben nicht der Mittelpunkt der Welt.  Bevölkerungswachstum ist eine Herausforderung, die lange ignoriert wurde. Ja, ich bin – um zurück zur Eingangsfrage zu kommen - ratlos. 

 

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