Goethe und die 1 Milliarde

(Ein leicht überarbeiteter Brackow-Text aus dem Juni 2013/ gerade sehr aktuell)

Seit einigen Tagen teilen Benutzer in diversen „Netzwerken“ wieder die rührende Geschichte „…wäre die Welt ein 100 Einwohner Dorf“ (Link dazu unten). Die veralteten und statistisch – zumindest teilweise – wackeligen Daten waren Anfang des Jahrtausends (ich meine 2002) auch schon als Kettenbrief unterwegs. Ursprünglich stammen sie aus einem inzwischen weitgehend vergessenen Buch. Die Geschichte „menschelt“ so herrlich. Klar, die bösen Amis haben fast alles. Die reichen Russen und Araber fallen statistisch hinten und vorne heraus. Ist es so schön einfach? Oder ist die Welt doch etwas komplizierter? Ein Blick auf die Entwicklung der Weltbevölkerung offenbart, dass ein Mikromodell zur Problembeschreibung nur bedingt tauglich ist. In diesem Fall aus meiner Sicht auch ideologisch nicht unerheblich überladen. Seit meiner Geburt 1970 hat sich die Weltbevölkerung auf rund 7 Milliarden verdoppelt. 1830 wurde angeblich die 1-Milliarde-Marke gebrochen. Damals lebte Goethe noch.

 

Ich bin – jetzt nur mal ins Grundsätzliche formuliert – gern ein guter und hilfsbereiter Mensch (im Rahmen meiner Möglichkeiten). Ich mag den Begriff „Gutmensch“ nicht, aber für manchen Zeitgenossen fällt mit kein anderer ein. Einige sehen sogar ihre Gebär- oder Zeugungsbereitschaft als Akt der gesellschaftlichen Solidarität. Als freiwillig Kinderloser darf man häufig über dieses Thema diskutieren. Wer Kinderlosen Egoismus vorwirft ist m. E. recht frei von Realitätssinn. Die Entscheidung für eigenen Nachwuchs ist ja nun nichts selbstloses, sondern doch eher etwas gesellschaftlich genormtes und (zu Recht) anerkanntes. Aber „Kinder in die Welt setzen“ ist eben auch etwas, was am Ende aus durchaus egoistischen Motiven heraus gemacht wird.

Beides – ob für oder gegen eigene Kinder – ist eine rein egoistische Entscheidung. Es sei denn das Kindlein kommt, weil der Partner oder die Familie es will oder wünscht. Diese Partnerschaften überstehen eher selten die gesamte Kindheit des nur teilweise gewollten Nachwuchses. „Es ist immer da“, jammern die einen. „Es ist das schönste, was uns passieren konnte“, freuen sich die anderen. Der Alltag befödrert viele (auch Kinderlose) schnell in die karge Realität. Global betrachtet herrscht kein Kindermangel. Nun werden manche mit düsterem Blick und erhobenem Zeigefinger an die langfristig wieder leeren Rentenkassen in Deutschland erinnern. Und da schließt sich für mich dann der Kreis und auch dieser Aufsatz: Die Welt ist kompliziert…

Hier der Link zum Dorf
http://hoax-info.tubit.tu-berlin.de/hoax/showtxt.shtml?weltdorf

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